Nach dem außergewöhnlichen Auftragsvorzug im April – ausgelöst durch erwartete Zollerhöhungen – setzt sich die Abkühlung bei Schweizer Uhrenexporten fort. Im Juni lagen die Ausfuhren 6% unter Vorjahr und summierten sich auf CHF 2,15 Milliarden. Bereits im Mai war ein Minus von 10% verzeichnet worden. Der abrupte Nachfrageanstieg im Frühjahr hat damit einer Phase der Bereinigung Platz gemacht, in der Lagerbestände und Bestellrhythmen neu austariert werden.
Regionale Dynamik: USA schwach, China stabilisiert, Europa gemischt
Der regionale Blick zeigt deutliche Verschiebungen:
- Vereinigte Staaten: -18% auf CHF 310,3 Millionen. Trotz einer geringeren Korrektur als im Mai belastet die US-Entwicklung weiterhin das Gesamtergebnis.
- China: +6% auf CHF 172,8 Millionen. Das Wachstum profitiert von einer günstigen Vorjahresbasis und signalisiert vorsichtige Stabilisierungstendenzen.
- Vereinigtes Königreich: nahezu unverändert bei CHF 155,9 Millionen (-0,1%) und damit aktuell auf Rang drei der Zielmärkte.
- Japan: -11% auf CHF 155,6 Millionen.
- Hongkong: -11% auf CHF 147,7 Millionen.
Diese Muster unterstreichen die anhaltende Divergenz zwischen westlichen Märkten mit stärkerer Korrektur und asiatischen Destinationen, in denen die Erholung uneinheitlich, aber punktuell sichtbar ist.
Preissegmente: Mittelklasse wächst, Top-Segment kühlt ab
Auffällig ist die Spreizung nach Preislagen:
- CHF 500 bis CHF 3.000: +16% und damit der einzige klar wachsende Bereich.
- Über CHF 3.000: -9%, was auf eine kurzzeitige Investitionszurückhaltung im oberen Luxussegment hindeutet.
- CHF 200 bis CHF 500: -24%.
- Unter CHF 200: -11%.
Die stärkere Nachfrage in der gehobenen Mittelklasse könnte auf preisbewusste Konsumenten zurückzuführen sein, die weiterhin Qualität suchen, jedoch sensibler auf Gesamtbudget, Wechselkurse und wirtschaftliche Unsicherheit reagieren. Das Minus im High-End-Segment spiegelt zudem die Normalisierung nach dem Vorzieheffekt sowie selektive Einkaufsstrategien des Handels.
Halbjahresbilanz und Ausblick: Vorsicht, aber keine Trendwende ins Negative
Im ersten Halbjahr lagen die Exporte mit CHF 12,91 Milliarden praktisch auf Vorjahresniveau (-0,1%). Sollte der jüngste Abwärtstrend anhalten, ist jedoch eine deutlichere Schwächephase denkbar. Für Marktteilnehmer ergeben sich daraus folgende Implikationen:
- Händler sollten Sortimente an die robuste Mittelklasse-Nachfrage anpassen, gleichzeitig aber hochwertige Referenzen selektiv führen, um Margen zu sichern.
- Private Käufer finden aktuell ein Umfeld, in dem Verhandlungsbereitschaft im Handel zunimmt; wer langfristig denkt, sollte auf solide Nachfragefaktoren (Markenstärke, Komplikationen, Provenienz) achten statt auf kurzfristige Schwankungen.
- In Asien ist eine differenzierte Entwicklung zu erwarten: China zeigt Stabilisierungseffekte, während Hongkong und Japan weiter unter Druck stehen. Das erfordert gezielte Allokation von Neuheiten und limitierter Stückzahlen.
- Risiken bleiben: makroökonomische Unsicherheit, mögliche weitere Zollthemen sowie Währungsbewegungen. Absicherung und flexible Dispo-Prozesse gewinnen an Bedeutung.
Für anspruchsvolle Kundinnen und Kunden wie auch für professionelle Akteure gilt: Transparenz in der Preisbildung, unabhängige Expertise und eine klare Qualitätsprüfung sind zentrale Leitplanken. Wer Entscheidungen datenbasiert trifft und die globale Nachfrageverschiebung frühzeitig in Einkauf und Bestandssteuerung einpreist, ist für eine verlängerte Phase der Normalisierung gut positioniert.
